»Found in Translation« – Ein Foto-Lyrik-Projekt

Das Projekt richtete sich an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Jugendliche aus zwei Stadtteilen in München. Die Teilnehmer/innen wurden von einer Medienpädagogin/Literaturwissenschaftlerin, einem Fotografen und von Studierenden fachlich begleitet und im kreativen Schreiben sowie im Fotografieren angeleitet. Die Teilnehmer/innen erkundeten bei regelmäßigen Treffen ihr soziales Umfeld, setzen sich künstlerisch mit ausgewählten Themen und Motiven auseinander und entwickelten Gestaltungsideen für die Darstellung ihrer Umgebung. Das Projekt förderte die produktive Begegnung zwischen Jugendlichen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen sowie die aktive Kontaktaufnahme mit dem Umfeld. Die künstlerischen Ergebnisse wurden im Rahmen einer Ausstellung öffentlich präsentiert.

Zielsetzung

Eine produktive Plattform für einen interkulturellen Austausch zwischen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und einheimischen Jugendlichen zu schaffen, war Ziel des Kunstprojektes »Found in Translation« – durchgeführt von International Connection of Young Artists (ICOYA) e.V. in München. Gesellschaftliche Integration, Persönlichkeitsentwicklung und Kreativitätsförderung standen im Mittelpunkt der regelmäßigen gemeinsamen Treffen. Die Teilnehmer/innen erlernten die Grundlagen der Fotografie und des kreativen Schreibens und traten so auf künstlerischem Weg mit ihrer Umwelt in Kontakt. Interessante Foto-Lyrik-Collagen entstanden – aber vor allem bot das Projekt einen Rahmen zur Selbsterfahrung und zur Erfahrung von Gemeinschaft. Dabei galt es, nach und nach sprachliche, kulturelle und psychologische Barrieren abzubauen. Die Förderung des kreativen Ausdrucks sollte vor allem die Flüchtlinge in der Bewältigung von traumatischen Erfahrungen unterstützen.

Projektverlauf und Ergebnisse

Die Vorbereitungen begannen mit kurzen Sommerworkshops für die jugendlichen Flüchtlinge im Alveni-Jugendhaus sowie mit Probe-Fotoprojekten an zwei benachbarten Schulen, dem Gymnasium München Moosach und der Städtischen Artur-Kutscher-Realschule. Die Flüchtlinge sollten dadurch an die Methoden der Projektarbeit herangeführt werden, während Schülerinnen der Oberstufe zur Teilnahme am gemeinsamen Projekt motiviert werden konnten.

Um die Teilnehmer/innen für das Medium Fotografie zu begeistern, wurde mit besonderen technischen Mitteln experimentiert: So entstanden einige Bilder mit Bewegungsunschärfe, anschließend waren mehrere Projekttreffen der Lichtmalerei gewidmet. Der Einstieg über die Fotografie erwies sich insofern als hilfreich, da eine gemeinsame sprachliche Basis unter den Jugendlichen kaum vorhanden war. Die Ergebnisse der Lichtmalerei – experimentelle Aufnahmen, die zum Phantasieren und interpretieren einluden – wurden als erste Schreibimpulse aufgenommen und es entstanden erste Bild-Text-Collagen.

Das Lichtmalerei-Projekt zeigte, dass die Jugendlichen besonders Foto-Projekte schätzten, bei denen nicht nur das Fotografieren, sondern vor allem auch das Fotografiert-Werden Erlebnischarakter hatte. So entstand die Idee, in Anklang an Erwin Wurms »One Minute Sculptures« den Raum des Alveni-Jugend-hauses neu zu erkunden, indem die Teilnehmer/innen als menschliche Skulpturen in, auf und neben Einrichtungsgegenständen posierten. Die Einfachheit der Idee inspirierte die Teilnehmer/innen und brachte Motive wie »Zwei Menschen gefaltet im Regal«, »Grüße aus der Waschmaschine« oder »Zimmerpflanze. Handstand« hervor.

Bei einem weiteren Foto-Projekt setzten die Teilnehmer/innen Schmuckstücke oder andere persönliche Gegenstände im Stil von Werbefotos in Szene. Auch als Schreibimpuls waren diese Gegenstände sehr inspirierend, denn sie alle trugen Erinnerungen an bestimmte Anlässe oder besondere Geschichten in sich.

Nach dem ersten Projekthalbjahr hatte sich ein fester Kern aus Teilnehmer/innen gebildet, dem Intensivworkshops angeboten und mit dem Foto-Wanderungen in der Natur unternommen wurden. Ein letztes fotografisches und erlebnisreiches Highlight setzte ein Graffiti-Projekt, bei dem die Teilnehmer/innen zwischen Bäumen aufgespannte, transparente Folien mit Sprühfarben bearbeiteten, welche dann wiederum als Vorder- oder Hintergrund für Fotos dienten. Unter dem Motto »Spuren einer Begegnung« waren weitere Fotos aus dem Projekt bei einer abschließenden Präsentation im Ausstellungsraum der Färberei zu sehen.

Herausforderungen

Wie erwartet stellten sprachliche Barrieren eine große Herausforderung dar. Die ersten Monate zeigten sich die Teilnehmer/innen etwas gehemmt, da ihnen die Kommunikation untereinander nicht leicht fiel. Auch galt es, eine Atmosphäre zu schaffen, welche die oftmals aus kulturellen Gründen aufkommende Unsicherheit auffangen konnte.

Auch das kreative Schreiben bot erwartungsgemäß Herausforderungen, denn aufgrund der sprachlich sehr gemischten Gruppe mussten die Schreibaufgaben oft gleichzeitig Inspiration und Sprachpraxis bieten. So stellte es sich als sinnvoll heraus, den fotografischen Teil stärker zu betonen, um eine gemeinsame Basis zu schaffen. Beim kreativen Schreiben wurden neue Lösungen gefunden: die Teilnehmer/innen schrieben in ihren eigenen Sprachen oder formulierten, wenn der Schreibprozess selbst zu anstrengend erschien, den sprachlichen Teil mündlich und ließen diesen von anderen Jugendlichen mitschreiben.

Erfolge

Der größte Erfolg ist das Zusammenwachsen der Gruppe. Darüber hinaus ist es gelungen, mehrere Teilnehmer so für das Medium der Fotografie zu begeistern, dass sie mittlerweile selbständig mit Klein-kameras unterwegs sind und ihre Bilder regelmäßig in der Gruppe präsentieren können. Durch das Drucken ihrer Bilder wurden ihre Erfolge gewürdigt und sie zum Weitermachen ermutigt. Schließlich war auch zu erkennen, dass die jungen Flüchtlinge im Verlauf des Projektjahres begannen, auch mehr Motivation für andere Aufgaben wie den Schulbesuch aufzubringen und mit ihrer eigenen Situation konstruktiver umzugehen. Anfangs erschienen drei Teilnehmer unter anderem deshalb so regelmäßig zur Werkstatt, da ihnen der Schulbesuch wegen ihres schwierigen psychologischen Zustandes nicht möglich war. Der regelmäßige Austausch und die Arbeit an gemeinsamen Projekten hat jedoch etwas bewegt: alle drei besuchen mittlerweile regelmäßig die Schule, fotografieren eifrig und nehmen sich weitere Freizeit-Projekte vor.

Künftige Projekte

Nachdem sich während des Projektjahres eine stabile Gruppe formiert hat, die gerne künstlerische Experimente unternimmt, ist die Fortführung der Werkstatt geplant. Das Zusammenwachsen der Gruppe braucht viel Zeit und könnte bei Fortführung des Projektes eine noch intensivere Dynamik annehmen. Auch die Artur-Kutscher-Realschule hat weiterhin Interesse an einer Kooperation. Für künftige Projekte ist geplant, neben Fotografie und Lyrik auch andere Formate wie Theater, Film oder Veranstaltungen (z.B. Ausflüge und Museumsbesuche) zu integrieren. Auf die Wünsche der Jugendlichen einzugehen hat dabei eine hohe Priorität, denn was aus eigenem Willen heraus geschaffen und unternommen wird, motiviert – und was motiviert, wird oft produktiv fortgesetzt.

Kontakt und weitere Informationen

ICOYA e.V.
Margit Papamokos
Kidlerstraße 22
81371 München
E-Mail: info(at)icoya-muenchen.de
Web: www.icoya-muenchen.de

  • <link fileadmin/inhalte/05_foerderung/wv_pdm_september_found_in_translation.pdf _blank>»Found in Translation« – Ein Foto-Lyrik-Projekt</link><i><br />Projekt des Monats (09/2015) (ca. 3 MB)</i>

Timo Jaster & Björn Götz-Lappe
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