Projekt des Monats (09/2016)

»Coming-out, going out« – Ein Medienprojekt zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Dieses Medienprojekt richtete sich an Jugendliche und junge Erwachsene (12-23 Jahre) aus der LGBT*Q-Community in Köln. Im Rahmen aufeinander aufbauender Medienworkshops erarbeiteten die Teilnehmer*innen gemeinsam Videoprojekte, in denen sie sich mit dem Thema »Coming-out« auseinander setzen. Ziel war die Anregung eines Erfahrungsaustauschs innerhalb der Gruppe. So sollten z.B. Jüngere von den Coming-out-Erfahrungen der Älteren profitieren. Darüber hinaus wurde eine Sensibilisierung des sozialen Umfeldes der Teilnehmer*innen sowie der Öffentlichkeit für das Thema sexuelle Vielfalt mit mehreren öffentlichen Videoaktionen erreicht. Durch das Auftreten im öffentlichen Raum erfolgte eine Öffnung der Projektgruppe nach außen und die Themen sexuelle Identität und Vielfalt erreichten eine größere Öffentlichkeit.

Coming out Day e.V. führte von September 2015 bis Mai 2016 unter dem Namen »Coming-out, going out« ein Medienprojekt zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Köln durch. Kooperationspartner des Projektes war das Jugendzentrum anyway, welches sich als einziges Jugendzentrum in Köln und Umgebung explizit an schwule, lesbische, bisexuelle, trans* und queere (LGBT*Q) Jugendliche richtet. Das anyway ist zudem im Bereich der Jugendmedienarbeit aktiv. Die Umsetzung wurde von einem zertifizierten Medientrainer der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (mit Spezialisierung auf LGBT*Q-Jugendliche) sowie von einem Diplom-Sozialpädagogen betreut.

Zielsetzung

Ziele waren die Festigung der jeweiligen sexuellen und geschlechtlichen Identität der Teilnehmenden, eine Stärkung des Zusammenhalts zwischen LGBT*Q-Jugendlichen und nicht zuletzt die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Coming-out durch die Auseinandersetzung mit dem Thema mithilfe medienpädagogischer Methoden.

Ablauf des Projektes

Das Vorhaben wurde in mehrere Wochenendworkshops untergliedert. Durch diese Struktur sollte möglichst vielen Jugendlichen – auch jenen mit längerer Fahrtzeit – eine Teilnahme am Projekt ermöglicht werden. Den Beginn machte ein Auftaktworkshop, bei dem das Projekt vorgestellt wurde. Anschließend arbeiteten die Jugendlichen inhaltlich zum Coming-out-Begriff. Die Teilnehmenden wurden eingeladen, ihre eigenen Erfahrungen, aber auch Sorgen und Ängste zum Thema Coming-out auszutauschen und unter Anleitung zu reflektieren. Anschließend wurden daraus Ideen für Videos abgeleitet und gesammelt. Sie bildeten die Grundlage für die Dreharbeiten in den folgenden Workshops. In Form erster Probevideos machten sich die Jugendlichen mit der Videotechnik vertraut.

Im Anschluss fanden mehrere Produktionsworkshops statt. Die Teilnehmer*innen erarbeiteten jedes Wochenende anhand einer Videoidee gemeinsam ein Videokonzept. Dieses wurde anschließend gedreht und geschnitten. Am Ende der Projektphase besuchten die Teilnehmer*innen gemeinsam mit dem Medientrainer und dem Sozialpädagogen in Köln die Aktion »Rainbowflash« am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie. Anschließend waren alle Teilnehmer* innen zum gemeinsamen Kochen und einem abschließenden Dankeschöndinner ins anyway eingeladen, wo das Projekt seinen Ausklang fand.

Teilnehmer*innen

Das Projekt sollte zwischen 15 und 25 Jugendliche für die direkte Teilnahme an den Workshops begeistern. Insgesamt haben 22 Jugendliche mit vielfältigen geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen teilgenommen.

Hervorzuheben ist, dass die Jugendlichen sowohl aus Köln, als auch aus angrenzenden Kommunen kamen (Bonn, Euskirchen, Bad Honnef) sowie von weiter entfernt. Ein Teilnehmer besuchte die Projekttreffen gleich zweimal aus Hamm, ein weiterer kam aus Mainz für einen Workshop hinzu. Der Grund hierfür lag in der Vernetzung einzelner Teilnehmender, die Freunde zum Besuch des Workshops nach Köln eingeladen hatten.

Die Teilnehmer*innen wurden über das Jugendzentrum anyway, den Verteiler des Coming Out Day e.V. sowie über Facebook, Mundpropaganda und direkt Ansprache gewonnen. Die Altersspanne erstreckte sich von 12 bis 23 Jahren. Neben den Jugendlichen kamen noch Passanten hinzu, welche als Teilnehmende der sozialen Videoexperimente angesprochen wurden.

Im Projekt wurden insgesamt sechs Videos produziert, die eine hohe inhaltliche und medienpädagogische Qualität aufweisen und auf YouTube in der Playlist »Coming-out, going out« abrufbar sind.

Schilderaktionen

Passanten*innen wurden gebeten, Jugendlichen Schilder mit der Aufschrift »homosexuell«, »bisexuell« und »heterosexuell« zuzuordnen. Dabei durften sie nur anhand von Äußerlichkeiten entscheiden. Es war nicht möglich, die Teilnehmer*innen zu befragen. Bei der zweiten Schilderaktion zeigten die Teilnehmer*innen, dass sie auch eine aufwändigere Produktion mit Zweitkamera bewältigen konnten.

Schwul & rausgeflogen

Bei diesem sozialen Experiment gab sich ein Teilnehmer als aufgrund seiner Sexualität obdachloser Jugendlicher aus und bat unweit des Szentreffs Schaafenstraße in Köln um Hilfe. Hintergrund war die Frage, ob Passanten*innen gerade wegen der sexuellen Orientierung des Jugendlichen mehr oder weniger Hilfsbereitschaft zeigen würden.

Trans* oder Cis?

Die Jugendlichen wollten von Menschen in  der Fußgängerzone wissen, ob sie erkennen können, ob eine Person trans*- oder cisgeschlechtlich ist. Dazu wurde mit Fotos von bekannten Trans*Personen und heterosexuellen Instagram-Stars gearbeitet.

Ausstieg aus der »Homolobby«

Dieser Beitrag setzte sich mit den Vorwürfen der Gegner von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auseinander. Oft sprechen Kritiker von einer sogenannten »Homolobby«. Hier wurde dieser Begriff ernst genommen und die damit verbundenen Vorurteile persifliert.

Coming-out

In diesem Beitrag erzählt Philipp von seinen Ängsten, die er vor dem Coming-out hatte. Aber dann kam alles anders, denn seine Mutter wusste bereits Bescheid. Ein Beitrag, der zeigt, dass Homophobie nicht immer direkt und intentional ist, sondern auch nur eine Atmosphäre sein kann, in der Schwulsein als ungewöhnlich empfunden wird.

Die Videos sind kritisch und teilweise polarisierend. Sie zeigen aber, dass selbst in einer Großstadt wie Köln noch immer Vorurteile oder Unwissenheit gegenüber vielfältigen sexuellen und geschlechtlichen ldentitäten herrschen. Beispielhaft dafür sind Aussagen über Klischees bei den Schilderaktion: »könnte mehr aus sich machen« (deshalb ist Person nicht schwul), »das ist keine Frau« (deshalb kann Person nicht trans* sein) oder »wir haben nämlich auch schwule Freunde [...] und die waren alle so gut drauf« (positive Vorurteile, die eine Sonderstellung manifestieren). Gleichzeitig beweisen aber viele Antworten auch, dass eine offene Auseinandersetzung mit den Thema Vielfalt vor der Kamera möglich ist und dass LGBT*Q-Themen kein völliges Tabu mehr sind.

Öffentlichkeitsarbeit

Ein Ziel des Projektes war es, eine heterogene Öffentlichkeit mit den Ergebnissen der verschiedenen Workshops zu erreichen. Dazu wurden die Videoergebnisse zum Projektende unter anderem auf YouTube veröffentlicht. Im Vorfeld des 17. Mai (internationaler Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie) wurden queere Onlinemedien und Lokalredaktionen mit einer Pressemitteilung informiert. Durch die Verbreitung in den Onlinemedien schafften es die Videos auf mittlerweile über 12.500 Abrufe. Im Sommer erfolgt die Ausstrahlung der Videobeiträge bei nrwision (Bürgerfernsehen in NRW).

Fazit

Das Feedback der Teilnehmer*innen zeigt, dass das Projekt auch aus ihrer Sicht erfolgreich war. Die Bereitschaft, das Projekt beim Kooperationspartner anyway fortzusetzen ist groß. Derzeit wird überlegt, in welcher Form das Projekt, vielleicht öffentlich gefördert, fortgeführt werden kann. Die Projekt-verantwortlichen empfehlen, das Projekt in seinen Grundelementen auf andere Kommunen in Deutschland – sowie auf andere Zielgruppen – zu übertragen. Ähnliche Medienprojekte können dazu beitragen, Akzeptanz z.B. gegenüber Migranten*innen oder Geflüchteten zu »testen« und für deren Lebenslagen zu sensibilisieren.

Kontakt und weitere Informationen

Coming Out Day e.V.
Sven Norenkemper
Koelhoffstraße 10
50676 Köln
E-Mail: kontakt( at )coming-out-day.de
Web: www.coming-out-day.de

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Timo Jaster & Björn Götz-Lappe
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail: jaster(at)mitarbeit.de
goetz-lappe(at)mitarbeit.de