Projekt des Monats (10/2016)

»Stadtteilschreiber« – Kreative Schreibwerkstätten im Ruhrgebiet

Das Projekt richtete sich an Schüler/innen der Sekundarstufen I und II an verschiedenen Schulen im Ruhrgebiet. In Kooperation mit studentischen Tutor/innen der Universität enstanden im offenen Ganztag Schreibwerkstätten. In regelmäßigen Treffen setzten sich die Schüler/innen schreibend mit ihrem Umfeld auseinander und verarbeiten ihre Erfahrungen in Kurzgeschichten und Gedichten. Die älteren Schüler/innen, die von den Studierenden als Schülerschreibbegleiter/innen qualifiziert wurden, unterstützten die Jüngeren. Pro Schuljahr enstand so ein Buch, das im Buchhandel erhältlich ist. Zudem fanden Poetry Slams mit den Teilnehmer/innen an den verschiedenen Schulen statt. Das Konzept der Schreibwerkstatt soll langsfristig in das schulische Curriculum und die Hochschulausbildung eingebaut werden. Das Vorhaben förderte die Sprachkompetenz und die kreative Auseinandersetzung mit dem Lebensumfeld.

Das Projekt entstand in einem Seminar für Lehramtsstudierende mit Schwerpunkt Deutsch als Zweitsprache an der Universität Duisburg-Essen. Im Seminar beschäftigten sich die angehenden Lehrkräfte mit der Methode der tutoriellen Schreibberatung, die eine Möglichkeit darstellt, Schreibkompetenz, Schreibmotivation und Vertrauen in die eigenen Schreibfähigkeiten nachhaltig und non-direktiv zu fördern. Die Studierenden erhielten eine Kurzausbildung als Schreibtutor/in sowie Grundlagenkenntnisse im kreativen, literarischen und biographischen Schreiben.

Aus dem Seminar ging die Konzeption für eine erste biographische Schreibwerkstatt in Oberhausen-Osterfeld hervor. Diese war als Angebot des offenen Ganztags angelegt und richtete sich an interessierte Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II, die einmal wöchentlich an einer 90-minütigen Schreibwerkstatt teilnehmen wollten. Tutor/innen des Instituts für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Duisburg-Essen leiteten die Treffen. Das Angebot sollte neben der Sprach- und Schreibkompetenz auch das partizipatorische Arbeiten, das Selbstvertrauen und die kreative Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensumfeld unterstützten.

Die Schreibwerkstätten

An der Gesamtschule Osterfeld startete die Schreib-werkstatt im Schuljahr 2014/15. Etwa 15 z.T. mehrsprachige Schülerinnen und Schüler nahmen regelmäßig an den Treffen teil. Diese beinhalteten (Schreib-)Spiele zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, Schreibphasen, Vorlese- und Feedbackrunden. Die Tutorinnen wurden zudem bei einem schulinternen Poetry Slam von studentischen Tutor/innen unterstützt, die als Slam-Poeten aktiv sind. Die Jungen in der Gruppe lernten bei dieser Gelegenheit männliche Vorbilder kennen, die sich mit Sprache und Literatur beschäftigen. Zunächst war geplant, die Schreibwerkstatt über einen Zeitraum von zwei Schuljahren zu veranstalten. Neun Monate nach Projektbeginn zeigte sich aber, dass die anfänglich sehr motivierten Schüler/innen die Termine nur noch unregelmäßig besuchten. Dies lag vor allem an schulischen Verpflichtungen (zentrale Abschlussprüfungen, Termine zur Berufsvorbereitung, zeitgleich stattfindender Förderunterricht). Ein Bruch entstand außerdem, als die ersten Tutorinnen das Projekt verließen und die Ansprechperson an der Schule wechselte.

Im Mai und Juni 2015 folgte der Versuch, eine Schreibwerkstatt am Universitätscampus Essen zu etablieren. Ziel war es, interessierte Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen im Umkreis anzusprechen. Widererwarten nahmen nur circa 10 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangstufen 10 bis 13 unregelmäßig teil. Es stellte sich heraus, dass der Weg zur Universität insbesondere für jüngere Jugendliche eine zu große Hürde darstellte

Um dennoch einen Band mit vielfältigen Schülertexten herausgeben zu können, wurden bestehende Kooperationen zu anderen Schreibwerkstätten genutzt. Die Schreibwerkstatt an der Gesamtschule Osterfeld stand von Beginn an in engem Kontakt zu einer seit 2012 bestehenden Schreibwerkstatt an der Gesamtschule Horst in Gelsenkirchen. Nicht nur die Schreibbegleiterausbildung, sondern auch Ausflüge (z.B. zum Campusradio oder ins Theater) und schulübergreifende Poetry Slams wurden gemeinsam durchgeführt. Hier präsentierten die Schüler/innen ihre selbstgeschriebenen Texte.

Durch die Öffentlichkeitsarbeit des Instituts entstanden außerdem Schreibwerkstätten an der Gesamtschule Wulfen in Dorsten und dem Märkischen Gymnasium in Hamm. Die erste Anthologie »Zeitfenster« beinhaltet Texte aus allen Schreibwerkstätten. Im August 2015 fand sich mit dem Burggymnasium Essen ein neuer Kooperationspartner. Rund 15 Schülerinnen und Schüler nahmen an der dortigen Schreibwerkstatt regelmäßig teil.

Ergebnisse

Mit den Anthologien »Zeitfenster« und »StadtTeil-Poeten« halten die Jugendlichen konkrete Projektergebnisse in der Hand. Der erste Band wurde auf einer großen Veranstaltung am Universitätscampus Essen präsentiert. Die Bücher enthalten Texte der Schüler/innen und sind im Buchhandel und über die Projektverantwortliche (ina.lammers@uni-due.de) erhältlich. Weitere Ergebnisse aus den Schreibwerkstätten wie CDs mit eigenen Textvertonungen oder Märchenhefte konnten die Schülerinnen und Schüler direkt mit nach Hause in ihre Familien nehmen.

Darüber hinaus besteht nun ein bewährtes Konzept zur Einrichtung und Durchführung einer jahrgangsübergreifenden Schreibwerkstatt, das bereits an einigen Schulen etabliert werden konnte. Es wurden Grundsätze der erfolgreichen Werkstattarbeit dokumentiert und eine Schülerschreibbegleitung erarbeitet, die an die Fähigkeiten und Bedürfnisse mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler angepasst ist. Die inhaltlichen Konzepte können in Schreibwerkstätten, aber auch in Projektwochen oder als Unterrichtsreihe eingesetzt werden. Einen Schwerpunkt bildet hier – aufgrund des hohen Interesses der Jugendlichen – der Poetry Slam.

Die Schreibwerkstatt wurde zudem durch die studentischen Tutorinnen wissenschaftlich begleitet. Sie legten mündliche Examensprüfungen ab oder erarbeiteten Staatsarbeiten. Die wissenschaftliche Auswertung des Peer-Learnings in den Schreibwerkstätten wurde in einem wissenschaftlichen Aufsatz publiziert.

Erfolge & Resonanz

Die Schüler/innen besuchten die Schreibwerkstatt unterschiedlich regelmäßig, bildeten aber auch feste Gruppen – die Vertrauensbasis für das biographische und kreative Arbeiten in der Werkstatt.Das Vorhaben, ältere Teilnehmende zu Schreibbegleiter/innen für die unteren Jahrgangstufen auszubilden, konnte nur teilweise umgesetzt werden. Deshalb wurde später die Methode des Gruppenfeedbacks in der Leserunde etabliert, das auch bei unregelmäßiger Teilnahme der ausgebildeten Begleiter/innen umzusetzen war.

Die Teilnehmer/innen gaben sehr positive Rückmeldungen zum Projekt. Besonders schätzten sie das freundschaftliche Verhältnis zu den studentischen Tutorinnen und Workshopleitern. Ihre Schreibmotivation steigerte sich und einschüchternde Erfahrungen aus dem Deutschunterricht traten in den Hintergrund. Dies hatte positive Auswirkung auf ihr Selbstwertgefühl. Bei einigen älteren Schüler/innen entstand durch die Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Wunsch, das Abitur zu machen und zu studieren. Sie nutzten einen Besuch an der Universität, um sich über ihre Möglichkeiten zu informieren. Da die Jugendlichen größtenteils aus nicht-akademischen Elternhäusern kamen, war dies ein erster Kontakt mit der universitären Welt.

Auch seitens der Studierenden gab es positive Resonanz. Sie fühlten sich durch die Arbeit in der Schreibwerkstatt besser auf den kommenden beruflichen Alltag vorbereitet und schätzten es, eigene Ideen umsetzen zu können. Als Schwierigkeit entpuppte sich die Umstellung des Lehramtsstudiums von Staatsexamen auf Bachelor/Master. Hierdurch hat die Flexibilität der Studierenden, neben Lehrveranstaltungen und Pflichtpraktika in Projekten wie der Schreibwerkstatt mitzuarbeiten, nachgelassen. Eine resultierende Überlegung ist daher, die Schreibwerkstattarbeit in das Studium einzubinden, etwa als Teilleistung zu einem praxisorientierten Seminar.

Perspektiven

Nach Projektende bestehen vier Schreibwerkstätten fort. Sie werden entweder aus öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Mitteln finanziert. Die Etablierung des Konzepts an weiteren Schulen ist geplant. Zugleich werden aus den Werkstattmaterialien Unterrichtsreihen und Projektwochen entwickelt, die Schulen zur Verfügung gestellt werden können. Statt einer regelmäßigen Schreibwerkstatt sollen weiterhin Kompaktworkshops für schreibbegeisterte Jugendliche am Universitätscampus angeboten werden.

Kontakt und weitere Informationen

Universität Duisburg-Essen
Institut für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache
Dr. Ina Lammers
Universitätsstraße 12
45141 Essen
E-Mail: ina.lammers( at )uni-due.de
Web: www.stadtteilschreiber.wordpress.com 

Ansprechpartner für das Programm »Werkstatt Vielfalt«

Timo Jaster & Björn Götz-Lappe
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Tel. (02 28) 6 04 24-12/-17
Fax. (02 28) 6 04 24-22
E-Mail: jaster(at)mitarbeit.de
goetz-lappe(at)mitarbeit.de